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Konferenznews 20.3.2018

Dienstag (20.3.2018)

Intersec Forum

Intersec Forum 2018 Konferenz-News vom Dienstag (20.3.): Sicherheitstechnik zwischen Norm und Haftung

Welche Normen sind bei Produkten zwingend, und welche Standards müssen bei Planung, Errichtung und Betrieb eingehalten werden? Diese Fragen beleuchteten die heutigen Redner in drei Themenschwerpunkten. Die Vielzahl der gesetzlichen Vorschriften, Normen und Richtlinien – auf den ersten Blick ein Dschungel aus Regularien – ist angesichts der steigenden Komplexität der Systeme für alle Gewerke mehr Segen als Fluch: Sie sind die Leitplanke für die Weiterentwicklung.

Denn die hat schon längst begonnen und leitet die Gewerke in Richtung agiler, dynamischer Systeme, in die Algorithmen vernetzter Sensorik und in die Zukunft des Semantischen Webs. Die Vernetzung der Zukunft basiert auf maschinenlesbaren, validen und sicheren Daten. Deren Erhebung, Qualität und Schutz ist auch bei Planern und Errichtern Arbeitsrealität.

Brandmeldetechnik, Notfallbeleuchtung und Sprachalarmierung

Stephan Kreutzer

Stephan Kreutzer, Geschäftsführer Atral-Secal: Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz

Stephan Kreutzer führte durch die Richtlinien und Normen des vorbeugenden Brand- und Gefahrenschutzes und ihre Relevanz für die unterschiedlichen Anwendungsgebiete.

Mit der ab Mai 2018 geltenden VDE-Vornorm DIN VDE V 0826-2 für Brandwarnanlagen (BWA) wird ein bisher von Normen und Gesetzen ungeregelter Bereich definiert: die Projektierung, Errichtung, der Betrieb und die Instandhaltung von BWA in Kindertagesstätten, Heimen, Beherbergungsstätten und weiteren Wohneinheiten. In der Norm enthalten ist auch die Festlegung darauf, dass solche Anlagen durch fachinstallaterue vorgenommen werden  und eine dauerhafte Betriebssicherheit auch Produkt-seits definiert ist: Diese müssen der Norm DIN EN 54 entsprechen. „Die neue Norm bietet endlich einen Standard für Sonderbauten, in denen das Schutzziel, Bewohner und deren Leben im Ereignisfall zu retten, gegebenenfalls  nur unter erschwerten Bedingungen zu erreichen ist, weil etwa kleine Kinder, ältere Menschen nicht mobil genug für die Selbstrettung sind“, gab Kreutzer dem gut besuchten Auditorium mit.

Ulrich Höfer

Ulrich Höfer, Leiter Dynamic Lighting Systems Inotec: Dynamische und adaptive Fluchtweglenkung

Die Vorteile der adaptiven Fluchtwegelenkung – im Vergleich zur statischen (Beschilderung) und dynamischen (sich bei Ereignissen aktivierenden) –  zeigte Ulrich Höfer an konkreten Beispielen auf. Erste Erfahrungen mit adaptiven Systemen, die sich permanent an die Ereignislage (etwa imBrandfall) anpassen, zeigen, wie erfolgreich sich die Zeit reduzieren lässt, die eine Person bei Gebäude-Evakuierungen zur Selbstrettung benötigt, bis Rettungskräfte eintreffen.

Sein Ausblick: Für die Entwicklung der adaptiven Entfluchtung ist die multiple Sensorik, die Ereignisse video- wärmetechnisch und haptisch erfasst, um dann die Signalisierung und Entfluchtung an die Ereignislage anzupassen, eine Basistechnologie.

Heiko Schwichtenberg

Heiko Schwichtenberg, Produktmanager Brandmeldesysteme Bosch Sicherheitssysteme: Videobasierte Branderkennung

Heiko Schwichtenberg vertiefte diesen Apekt anhand neuer Möglichkeiten der videoanalytischen Detektion von Brandereignissen: Hier wurden Algorithmen so gewählt, dass über das „Endgerät“ Videokamera mehrere sensorische Parameter wie etwa Flamm- und Rauchentwicklung selbst bei bei 45°-Seitwärtsbewegung erfasst und analysiert werden können. Auch hier dreht sich alles um die Reduktion der Meldezeiten für ein solches Brandereignis im Sekundenbereich, um die Ausbreitung einzudämmen oder gar zu verhindern und damit Personenschäden und ökonomischen Verlust möglichst auszuschließen.

Da hier keine Din EN 54-Norm zur Anwendung kommt, hat sich der Hersteller um eine Zertifizierung bemüht und besitzt diese seit Ende 2017 durch den VdS (Vertrauen durch Sicherheit).

Esther Hild

Esther Hild, Referentin Fachverband Kabel und isolierte Drähte, ZVEI: Brandschutzkabel erhöhen die Sicherheit

Brandlasten in Gebäuden – hier spielt die eingebaute elektrische Infrastruktur eine große Rolle. Die Anforderungen an Kabel und Leitungen sind in der harmonisierten Norm hEN 50575:2014 "Starkstromkabel und -Leitungen, Steuer- und Kommunikationskabel - Kabel und Leitungen für allgemeine Anwendungen in Bauwerken in Bezug auf die Anforderungen an das Brandverhalten" festgelegt. Diese Kabel und Leitungen müssen seit kurzem auch mit einer CE-Kennzeichnung nach der Bauprodukteverordnung (BauPVO) und einer Leistungserklärung versehen werden.

In die Regularien, so Esther Hild, sind im vergangenen Jahr Bewegung gekommen: Kabel und Leitungen, die dauerhaft in Bauwerken installiert werden, fallen seit dem 1. Juli 2017 verpflichtend unter die europäische (EU-BauPVO). Kabel werden ihrem Brandverhalten nach in einheitliche europäische Brandklassen eingeordnet. Hierbei spielen Flammwidrigkeit, Rauchentwicklung und Toxizität (Halogenfreiheit) eine wichtige Rolle. Je nach Anforderung bei den vorgegebenen Brandprüfungen können Kabel die Klasse Eca bis hin zu B2ca erreichen.

Esther Hild blickte mit ihren Zuhörern auf die aktuellen Standards in Deutschland und der EU. Im Vergeich zu anderen Ländern wie etwa Belgien, Tschechien, Estland, Norwegen Griechenland seien die baurechtlichen Anforderungen an die Produkte in Deutschland nicht viel höher. Um mehr Sicherheit im Brandfall zu erreichen, empfiehlt die Kabelindustrie jetzt die Verwendung von Kabeln in Abhängigkeit des jeweiligen Sicherheitsbedarfs im Gebäude – eine differenzierte Herangehensweise für den Umgang von Errichtern und Planern wie auch Betreibern unterschiedlicher öffentlicher wie auch privater Bauten.

Uwe Spatzier

Uwe Spatzier, Vorsitzender des Fachkreises Leistungsgemeinschaft Beschallungstechnik, ZVEI: Neues aus der Normung für Sprachalarm und elektroakustische Notfallwarnsysteme

Uwe Spatzier führte ein in die Produkt- und Anwendungsnormen  von Beschallungsanlagen und in die Arbeit und Zielsetzung des ZVEI-Fachkreises, Beschallungssysteme als ENS (Elektroakustisches Notfallwarnsysteme gem. DIN VDE 0828 / EN50849) und als SAA (Sprachalarmanlagen gem. DIN VDE 0833-4 + DIN/CEN TS54-32) als festen Bestandteil in Evakuierungskonzepten zu integrieren.

Die in der Leistungsgemeinschaft zusammengeschlossenen Mitgliedsfirmen sind Hersteller von Systemen und deren  Komponenten. Sie haben sich zur Aufgabe gemacht, unter Einhaltung der entsprechenden Produkt- und  Anwendungsnormen die Projekte von der Projektierung bis zur Übergabe technisch zu begleiten. Denn so gut die Einzeltechnik zertifiziert sei, ihre Installation sei es nicht, was sich häufig erst und dramatisch in der Bauabnahme durch die Behörden auswirke.

Er empfahl: „Die beste Anwendungsnorm ist die, die sich Elektrotechnik- und Sicherheitsplaner bereits in ihrer frühesten Entwurfsphase noch vor der eigentlichen Ausschreibung zur Erreichung ihrer Schutzziele im Bauprojekt festschreiben.“

Digital Building: Bus-Systeme, Standards & Interoperabilität

Joost Demarest

Joost Demarest, CTO KNX Association: Von der Gruppenadresse zur Semantik

Mit Joost Demarest sprach einer der größten Anbieter offener Bus-Standards über die Weiterentwicklung des Feldbus-Standards hinein in die Internetprotokoll (IP)-basierte Welt des IoTs.

Ziel sei das Erreichen einer vereinten IP-Infrastruktur für alle Produkte der Gebäudeautomation – unabhängig von ihrem technischen Herkunfts- bzw. Ökosystem. „Wir wollen eine standardisierte Welt schaffen und uns dafür technisch öffnen. Unsere ersten KNX-`Things´ wollen wir zur Light + Building in zwei Jahren zeigen haben."

Dr. Hilko Hoffmann

Dr. Hilko Hoffmann, Leiter Graphik-Gruppe Intelligente Simulierte Realität des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI): Semantische Interoperabilität – Semantic Web Technologien für die Gebäudeautomation

Den technologisch nächsten Schritt stellte Dr. Hilko Hoffmann vor: Den Gang der Gebäudetechnik-Standards und Software-Anwendungen ins Semantische Web. Damit sind neue Datenstrukturen und Darstellungsmuster gemeint, die den Techniksystemen zusätzliche Informationen und Daten zuordnen, die sonst nur unstrukturiert vorkommen. Zur Realisierung dienen Standards zur Veröffentlichung und Nutzung maschinenlesbarer Daten (insbesondere RDF – Resource Description Framework).

„Damit können in Zukunft auch die Daten der Gebäudeautomation an der Nahtstelle zwischen dem Gebäude-Inneren einer neuen Welt von Internet-Dingen interoperabel zugänglich gemacht werden“, so Dr. Hoffmann. Diese neue Technologie helfe, die komplexen Standards und Verknüpfungen, wie sie auf Basis der bekannten Bus-Systeme und -Protokolle entstanden seien, auf abstrakter Ebene und nachhaltig nutzbar zu machen. „Kein Mensch weiß, welche Standards wir in zehn oder 20 Jahren haben werden. Aber wir können heute schon die Basis für deren Interoperabilität schaffen.“

Jan Meiswinkel

Jan Meiswinkel, Geschäftsführer Advancis Software: Herstellerneutrale Integrationsplattform

Jan Meiswinkel ging auf die Integrationsmöglichkeiten für Bus-Schnittstellen, Standard-Protokolle und proprietäre Schnittstellen ein, die herstellerneutrale Plattformen unter bieten können. Speziell im Sicherheitsbereich wird eine Vielzahl von Protokollen, Standards und Schnittstellen verwendet. Es gibt etablierte Standards, doch auch diese unterliegen der Weiterentwicklung und individuellen Anpassungen durch die Hersteller. In der Praxis, so Meiswinkel, hänge die Auswahl der geeigneten Anbindungsvariante immer vom Anwendungsfall ab und sollte immer abhängig von den Anforderungen und Gegebenheiten getroffen werden:

„Es gibt nicht die eine richtige Schnittstelle. Eine herstellerunabhängige Integrationsplattform muss möglichst viele bestehende Schnittstellen, Protokolle und Standards unterstützen und auch aktuell halten. Zukunftssicherheit bieten ausschließlich Systeme, die wirklich offen sind, d.h. weder nur eine proprietäre Lösung unterstützen sich aber auch nicht auf nur einen Standard festlegen: Eine offene Architektur ist der Schlüssel zur Zukunft.“

Markus Groben

Markus Groben, Geschäftsführer Groben Ingenieure: Systeminteraktionen dargestellt im Digital Building

Die Systeminteraktionen stellte Markus Groben im Anschluss anschaulich am Beispiel des „Digital Building“-Modells dar, das anlässlich der Light + Building  2016 errichtet worden war. Seine Erfahrung aus diesem Projekt fasste er so zusammen: „Wir haben in der Konzeption und dem Bau elektrotechnischer Gesamtanlagen immer ein Umfeld verschiedenster Lösungen, die alle ihre Stärken und Schwächen haben – aber sie müssen interoperabel sein!“

Branchendialog Planer & Errichter

Tobias Dittmar

Im Branchendialog Planer & Errichter zeigten erfahrene Praktiker den Weg zur „sicheren“ Investition von der Planung über die Ausschreibung bis zur Ausführung: Günther Mertz, Hauptgeschäftsführer BTGA, moderierte Ralph Ammelung, Planer für informations- und sicherheitstechnische Elektrotechnik der K. Dörflinger Gesellschaft für Elektroplanung, Kai Hardt, Vertriebsleiter NTA Systemhaus, Michael Wolff, Niederlassungsleiter beim technischen Gebäudeausrüster GA-tec, und RA Tobias Dittmar, Geschäftsführer BTGA.

Kai Hardt brachte den konstruktiven Dialog der beiden Parteien auf den Punkt und appellierte daran, die technischen und baulichen Leistungen gleich von der Ausschreibung an klar und eindeutig zu erfassen und dies über den gesamten Projektverlauf beizubehalten im Sinne von Transparenz und Effizienz. Ganz speziell bei komplexen Sicherheitstechnik-Aufträgen sprach er sich mit seinen Gesprächspartnern dagegen aus, Technik-Generalunternehmen zwischen zu schalten: „Komplexe  Sicherheitsanlagen sollten nicht in eine komplizierte Auftragsvergabekette gegeben werden, sondern direkt an die Errichter.“

RA Tobias Dittmar empfahl im Sinne der Investitionssicherheit, auch beim Thema Digitalisierung und Sicherheit im Gebäude der Zukunft immer den rechtlichen Vorgaben, allen voran dem Datenschutz, zu entsprechen. Dies zwinge Planer und Errichter durchaus dazu, sich mit möglicherweise weniger griffigen Rechtsbereichen auseinanderzusetzen oder entsprechenden Rechtsrat einzuholen. Sein Rat: „Datenhoheit, -sicherheit und -schutz: wenn man das bedenkt, kann man investitionssicher planen und errichten.“

Und das steht morgen für Sie auf dem Programm:

  • KNX Secure
  • Building Information Modeling (BIM)
  • Start-ups & Young Enterprises

www.intersec-forum.com/21032018

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